An jeden Strohhalm klammert sich der Ertrinkende, nicht wissend, dass er in der Gülle schwimmt

Als ich an einem Herbsttag, die Wälder im Nebelschleier hängend, auf den Bauernhof im Waldviertel kam, erwartete mich bereits das Huhn und der Bauer, beides keine Unbekannten, da ich selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen war. Das Huhn gackerte vergnüglich auf dem Misthaufen, im Unwissen, dass der Suppentopf schon bereit gestellt war. Der Bauer zog einsam seine Kreise inmitten von Getier, das bald dem Schafott zugeführt wird. Alleinherrscher über Rinder, Schweine, Hühner und den Maulwürfen auf seinen Feldern und doch auch Knecht, war der Bauer schon immer sein eigener Herr gewesen. So war es nicht verwunderlich, als wir in sein Königreich mit Jubel einzogen, dass schnell verschiedene Realitäten aufeinanderprallten.

Plötzlich ein zweiter Hahn im Hühnerstall, wo doch auf Lebzeiten immer nur einer war. Besonders die rote Jacke des Regisseurs hatte es ihm angetan. Angriff signalisiere sie. Und die bange Frage: wem folgen die Hühner nun? Droht gar eine feindliche Übernahme? Kameras wurden aufgestellt, Mikros verlegt, der Sauschädel ins Visier genommen, der Misthaufen vermessen. Die Küche in Beschlag genommen. Der Bauer wusste nicht, wie ihm geschah. Sein Leib und sein Hof, wobei zwischen beiden kein Grashalm passte, dem Diktat der Kamera unterworfen.

Die Nächte wurden immer länger, der Tag immer kürzer. Die Kuh lasse sich nicht mehr an ihren Zitzen fassen, wie verhext sei es. Das Durcheinander schien kein Ende mehr zu nehmen. Alles nur noch Bild, Realitäten wurden hin und hergeschoben, angepasst und wieder verworfen, schließlich neu zusammengesetzt. Der Bauer verteidigte seine Sicht der Dinge, ein Ochs ist ein Ochs und nun mal kein Stier. Und als auch noch das geliebte Auto des geliebten Regisseurs langsam aber sicher den Hügel runter rollte und zielgerichtet, als wäre es von Bauernhand gesteuert, gegen das Stallgemäuer schlug, da hatte auch der Maulwurf genug Erde geschluckt.

Der Kampf wog hin und her. Dort die Kunst, da die Ordnung der Dinge, dort die Ungewissheit, da des Gesetz des Marktes. Das Schwein quietschte, die Katze fauchte, das Huhn jubilierte, der Misthaufen vibrierte, der Ochs ist Amok gelaufen.

(Text von Josef Kleindienst)